Bernhard Heusler im Gespräch mit dem Webteam. Fragen und Antworten zum aktuellen Befinden des FC Basel 1893 - nach einem Drittel der Saison 2008/2009, mitten in der Champions League Gruppenphase, mit Seitenblick auf die weltweite Finanzkrise und die gut zwei Jahre nach dem FCB-Krisenjahr 2006, an dessen Ende Bernhard Heusler das Vizepräsidium im Klub übernommen hat.
Wie lautet Ihre persönliche Bilanz zum FCB-Herbst 2008?
Die sportliche Zwischenbilanz wird überstrahlt durch das Erreichen der Champions League. In der nationalen Meisterschaft hat das Team nach 13 Runden mit zehn Siegen so viele Punkte eingefahren, wie in den letzten 10 Jahren nur ein einziges Mal (2003/2004, als der Startrekord mit 13 Siegen aufgestellt wurde). Im Cup sind wir dabei.
Persönlich bin ich deshalb der Ansicht, dass die sportliche Zwischenbilanz des FCB positiv ist. Das heisst keineswegs, dass es nicht noch Verbesserungspotential gibt. Dieses Potential möglichst auszuschöpfen und die eigene Leistungsstärke immer weiter nach oben zu verschieben, ist Antriebsfeder und wichtigstes Ziel für jeden Sportler und damit auch für den FC Basel.
In welchem Zusammenhang steht die sportliche Bilanz mit der Personalpolitik und den Transferaktivitäten des FCB?
Vor der Saison haben wir die Teilnahme an der Champions League nicht als "Muss" definiert. Natürlich haben wir alles Mögliche getan, um diese grosse Chance für den Klub zu packen. Aber fokussiert waren die Transferaktivitäten und Personalentscheide auf die Schweizer Meisterschaft und auf eine längerfristige Perspektive. Nun spielen wir also mit in der "Königsklasse", bisher noch ohne Punkte, aber mit dem Ziel, in den Partien der Rückrunde das Maximum aus unseren Möglichkeiten herauszuholen. Das primäre Ziel des Klubs, des Trainers und der Mannschaft bleibt aber unverändert: wir wollen Ende Saison den dreizehnten Meistertitel des FCB feiern können. Und wir wissen alle, dass dieses Ziel mit dem vorhandenen Kader erreichbar sein muss.
Wie wirkt sich die Champions League als Chance und Realität auf die Finanzen des Klubs im 2008 aus?
In der zurückliegenden Transferperiode sind wir - mit einem Auge auf die Champions League schielend - mit einem beträchtlichen Ausgabenüberschuss in die Offensive gegangen. Investiert wurde in eine nachhaltige Weiterentwicklung des Kaders mit neuen, frischen Spielern, ohne aber gleichzeitig das Lohnniveau der ersten Mannschaft anzuheben. In diesem Licht ist auch der Verzicht des Klubs auf die Vertragsverlängerungen mit den drei Spielern Majstorovic, Nakata und Malick Ba zu sehen.
Das mit den Investitionen verbundene Risiko konnten wir eingehen dank den stabilen Jahreseinnahmen aus dem Verkauf der Matchtickets, den erwirtschafteten Erlösen aus Transfers der letzten Jahre und der finanziellen Absicherung, die Gigi Oeri dem Klub bietet. Dass die Strategie mit der Qualifikation für die CL-Gruppenphase sportlich und wirtschaftlich aufgegangen ist, darf man mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen, ohne sich darauf viel einzubilden. Ganz grob gesagt ist davon auszugehen, dass per Ende Jahr die Einnahmen aus der Champions League an die Stelle der in diesem Jahr ausbleibenden Überschüssen aus den Transferaktivitäten treten werden. Die FC Basel 1893 AG wird aller Voraussicht nach das Geshäftsjahr 2008 mit einem Gewinn beschliessen. Wer aber meint, der Klub werde dank der Teilnahme an der Champions League per Jahresende auf Geldsäcken sitzen, der liegt falsch.
Warum soll sich der Klub darauf nichts einbilden? Der Erfolg gibt doch der Transferpolitik und der Strategie des Klubs absolut Recht?
Natürlich ist die Leistung auf dem Rasen von Aussen her betrachtet der einzig relevante Gradmesser für die Arbeit einer Klubleitung. In erster Linie muss dies aber bei Krisen und Misserfolgen gelten. Im Erfolgsfall wäre es dagegen fatal, als Klubleitung zu glauben, man habe alles richtig gemacht. Diese Gefahr besteht derzeit bei uns ohnehin nicht, da die bisherigen Leistungen der Mannschaft in der Champions League den Ansprüchen eines nicht unwesentlichen Teils des Publikums nicht genügen konnten. Die beeindruckenden Auftritte der Gastclubs im Joggeli haben den Massstab, an dem der FCB gemessen wird, noch weiter nach oben verschoben.
Wie erleben Sie denn die Beurteilung des FCB Ausgabe 2008/2009 von Aussen (Medien/Fans)?
Es ist schwierig, sich dazu zu äussern, weil es ein repräsentatives Bild der Beurteilung nicht gibt. Als Verantwortlicher läuft man immer die Gefahr, sich an den besonders schrillen, negativen Reaktionen Einzelner zu orientieren. Tatsache ist, dass 25'000 Menschen in der Region Basel als Jahreskarteninhaber den Klub über das ganze Jahr begleiten wollen. Das spricht für eine grandiose Einbettung des Klubs in der Bevölkerung, ist ein mächtiger Orientierungspunkt und eine Bestätigung für die geleistete Arbeit. Und doch bleiben mir gerade im Erfolg die negativen Reaktionen besonders haften.
Was sind für Sie denn negative Reaktionen, die Sie beschäftigen?
Es beschäftigt mich, dass selbst die Qualifikation des Klubs für die Champions League bei gewissen Anhängern weniger Freude als neue Begehrlichkeiten auslöst. Auf der Basis nicht überprüfter Zahlen und mit abstrusen Vorstellungen über die wirtschaftliche und sportliche Potenz des FCB werden etwa pauschal "Verstärkungen" gefordert. Statt Freude zu verspüren, werden sofort neue Forderungen gestellt.
Eine schmerzhafte Kanterniederlage gegen den FC Barcelona, eine der derzeit weltbesten Klubmannschaften, scheint da geradezu für die "Beweisführung in eigener Sache" gelegen zu kommen. Die Verantwortlichen gelten als unfähig und inkompetent, wenn sie der persönlichen Anspruchshaltung nicht gerecht werden. Auch das ist wohl eine Begleiterscheinung des kommerzialisierten, auf kurzfristigen Erfolg getrimmten Fussballgeschäfts. Klub-, Personal- und Transferpolitik sind Themen, die sich wunderbar für pauschale Kritik und diffuse Unterstellungen eignen. Der Ärger über einen Fehlpass am Matchtag weicht an den übrigen sechs Wochentagen der Verärgerung über eine als unbefriedigend empfundene Klubpolitik, ohne dass man sich um die Fakten zu kümmern braucht.
Aber Kritik gehört zum "Geschäft" - Sie selbst betonen das doch immer?
Natürlich. Ich mag kritische Menschen. Ich suche die persönliche Konfrontation mit kritischen Fans und Journalisten. Aber destruktives Niedermachen des "eigenen" Klubs, Hohn, Spott und generelles Misstrauen gegenüber jedem und jeder, der oder die für den FCB auf und neben dem Feld in der Verantwortung steht, sind Geisteshaltungen, mit denen ich nichts anfangen kann. Sie schaden der Sache des FCB. Sie tragen Wasser auf die Mühlen derjenigen Kreise, denen die Stärke der Institution FCB ein Dorn im Auge ist.
Nennen Sie ein Beispiel für Kritik von Aussen, durch welche die Institution FCB missverstanden wird:
Wenn etwa Ilja Känzig im BLICK die drei Niederlagen des FCB in der Champions League Kampagne auf eine angebliche "Sparpolitik" des FCB zurückführen will, bewegt er sich - bei allem Respekt - in seiner Expertenmeinung meilenweit weg von der Realität. Täte er dies bewusst, so müsste man fast annehmen, die Klubleitung des FCB sollte nun endlich zum berühmten Schritt zu viel auf der schmalen Gratwanderung zwischen kurzfristigem Erfolgsstreben und nachhaltiger Bewahrung des Klubs provoziert werden.
Da ich dies selbstverständlich Herrn Känzig nicht unterstellen will, nehme ich an, dass ihm die tatsächlichen Verhältnisse und die Finanzpolitik unseres Klubs schlicht nicht bekannt sind. Einen positiven Effekt haben immerhin derartige Expertenmeinungen, die oftmals leider für bare Münze genommen werden: Sie zwingen uns immer und immer wieder, uns zu hinterfragen und unser Verständnis der Aufgabe als Klubleitung des FCB gegenüber dem gesamten Umfeld zu erklären.
Was ist denn Ihr persönliches Verständnis der Institution FCB?
Der FCB ist viel mehr als eine Erfolgs- und Titelfabrik mit Sitz in Basel. Der Klub hat Tradition, Geschichte und steht für gewisse Ideale. Er ist "ein Kind dieser Stadt", wie in einem jüngsten Fansong beschrieben. Ein Kind aber ist mit Liebe und Weitsicht zu pflegen, nicht nur an den Zeugnisnoten zu messen. Als Mitverantwortlicher für die Führung des FCB muss ich denjenigen mit besonderer Skepsis begegnen, welche die kurzfristige Erfolgsoptimierung über alles stellen - und zwar nur, weil sich danach ihr eigenes Selbstwertgefühl bestimmt.
Glücklicherweise erlebe ich in Basel, wo der Klub so tief verwurzelt und die Leute seit Jahrzehnten mit ihm verbunden sind, derartige Strömungen als absolute Ausnahme. Die grosse Mehrheit der Basler geniesst aktuell allein schon die Tatsache, dass sich der FCB zum zweiten Mal in seiner Geschichte mit den ganz Grossen des Fussballs messen darf. Das hat rein gar nichts mit Ambitionslosigkeit oder gar schweizerischer Genügsamkeit zu tun, sondern mit der Fähigkeit, Realitäten akzeptieren und Erfreuliches erkennen zu können.
Als unerfreulich nimmt man zur Kenntnis, dass mit Eren Derdiyok bereits wieder ein junges Talent auf dem Absprung ins Ausland ist. Stört Sie das?
Ich kann die Enttäuschung der Fans verstehen, wenn Spieler, kaum hat man sie lieb gewonnen, den Klub schon wieder verlassen. Auf der anderen Seite muss man auch hier akzeptieren, wo der FCB und der Schweizer Klubfussball im internationalen Vergleich stehen. Die häufigen Klubwechsel und Fluktuation gehören heute zum Berufsfussball. Warum sollte sich der FCB dem entziehen können? Wir machen es jedenfalls keinem Spieler leicht zu gehen, und die meisten Spieler machen es sich auch nicht leicht, den FCB und Basel zu verlassen.
Doch machen wir uns nichts vor: die Karriere als Fussballprofi ist zeitlich limitiert und sehr riskant. Die Gehälter im Ausland bewegen sich nun mal in anderen Dimensionen, die gerade bei jüngeren Spielern auch mal das Zehnfache vom (guten) Lohn beim FCB ausmachen. Dazu hat jeder Abgang seine persönliche Geschichte. Ich wehre mich dagegen, wenn jeder Weggang allein mit dem Geld und der Geldgier der Spieler begründet wird. Generell bringt das ständige Lamentieren über diese Tatsache nichts.
Unsere gemeinsame Aufgabe muss doch lauten, talentierte und attraktive Spieler auszubilden oder nach Basel zu holen, ihnen als Profis hier optimale Arbeitsbedingungen im (fast) perfekten Basler Fussballumfeld zu bieten; dann zahlen sie es uns mit tollen Leistungen zurück. An grossartigen Auftritten von solchen Spielern in Rot-Blau kann man sich freuen oder sich bereits über den dadurch drohenden Abgang ärgern - das ist Einstellungssache und jedem selbst überlassen.
Wird der FCB denn durch die vielen Abgänge nicht in seinen Ambitionen beschnitten?
Natürlich machen die zahlreichen Spielerwechsel die Arbeit für den Trainer und seinen Stab besonders anspruchsvoll. Doch wenn man das Ganze aus einer gewissen Distanz betrachtet, dann macht diese unerfreuliche Fluktuation auch ein Teil der nachhaltigen Stärke des FCB in den letzten Jahren aus. Neben den reinvestierbaren Transfersummen sind daraus Lücken im Kader für Nachrückende entstanden.
Neue, für Spitzenleistungen im Sport wichtige Konstellationen und Reize werden geschaffen. Und schliesslich wird international unser Ruf zementiert, eine hervorragende Ausbildungsstätte und ein optimales Sprungbrett in die Top-Ligen zu sein. Irritiert wäre ich, wenn unsere Profis uns ohne Ablöse verliessen, weil das Vertragsmanagement versagt hat. Oder wenn sie zu anderen Klubs in der Schweiz wechseln würden, wie dies beim FCB in den 90er-Jahren der Fall war.
Beim Sieg gegen Griechenland standen für die Schweiz zwei FCB-Spieler auf dem Feld. Alle anderen Spieler im Einsatz waren Auslandprofi. Die aktuellen vier Schweizer A-Nationalspieler des FCB haben wir alle in den letzten 2 Jahren unter Vertrag genommen. Wir sind also offenbar nicht nur ein Durchlauferhitzer, sondern auch aktuell der wichtigste "Lieferant" der Schweizer Nationalmannschaft.
Was sagen Sie zur Meinung von Experten, das Reservoir des FCB sei ausgeschöpft, die internationalen Scouts würden nur noch wegen Stocker und Derdiyok ins Joggeli auf Besuch kommen?
Da bleibt mir ob so viel Sonderwissen von Externen nur das Staunen. Ein kurzer Blick zurück sei erlaubt: In der verkorksten Herbstrunde 2006, also gerade mal vor zwei Jahren, war sich dieselbe Gilde von Fussballexperten einig, dass man unter allen Kaderspielern einzig noch bei Mladen Petric von einem Wert im internationalen Transfermarkt ausgehen dürfe. Die übrigen Profis seien überschätzt und überbezahlt.
Seither haben uns neben Petric die damals offenbar den Experten noch nicht bekannten Spieler Rakitic, Kuzmanovic und Caicedo gegen Rekordablösesummen verlassen. Kurz: der FCB muss sich von derart oberflächlichen Distanzdiagnosen nicht verrückt machen lassen, sondern konsequent auf allen Stufen weiterarbeiten. Für mich ist keineswegs auszuschliessen, dass der wertvollste FCB-Spieler des Jahres 2010 heute noch gar nicht dem Kader der ersten Mannschaft angehört.
Per Ende Saison laufen die Verträge von drei Stammspielern (Scott Chipperfield, Eduardo, Ivan Ergic) aus. Warum hat der Klub in diesen Fällen noch nicht reagiert?
Wer sagt denn, dass der Klub noch nicht agiert hätte? Wir sind ständig im Kontakt mit den Spielern. Und wenn der Zeitpunkt für einen gemeinsamen Entscheid gekommen ist, werden wir ihn öffentlich machen. Es ist nun mal die Politik der aktuellen Klubleitung, dass wir die Gespräche mit unseren Spielern nicht an die Öffentlichkeit bringen. Wir handeln dabei im Interesse des FCB, schützen aber auch den Spieler, weil wir ihn nicht mit Gerüchten unnötig unter Druck setzen wollen.
Durch unser Schweigen kommt es auch mal vor, dass wir öffentlich wegen angeblicher Untätigkeit gegeisselt werden. Wenn dies zu Unrecht geschieht, schmerzt es einen Moment, aber lässt uns nicht vom Kurs abweichen. Wenn ich von Bundesligaprofis höre, dass sie mit Vorständen nicht sprechen können, ohne dass nicht alles anderntags in der BILD erscheine, bei uns aber Spieler auch mal ohne Berater verhandeln, weil das Vertrauensverhältnis stimmt, dann habe ich das Gefühl, dass unser Vorgehen so falsch nicht ist.
Zurück zum Thema "Verstärkungen für den FCB": Sie werden vor dem International Football Forum am 10. November 2008 den FCB vertreten im Rahmen einer Fallstudie "warum der FCB im Sommer 08 unbedingt Ronaldinho hätte kaufen müssen" - worum geht es da?
Da ist ein spannendes Gedankenspiel, dem ich mich gerne stellen werde. Viel mehr kann ich dazu noch nicht sagen, weil ich selbst mit dem Ergebnis des britischen Football-Research Teams überrascht werden soll. Den Analysten sind die Geschäftsberichte zur Verfügung gestellt worden. Dies bietet immerhin Gewähr, dass wir auf der Basis realer Zahlen diskutieren und argumentieren können.
Ich freue mich auf die Debatte, werde aber wohl auch ein paar "Realien" des Schweizer Fussballs und des nationalen Markts in die Diskussion einbringen, welche für den einen oder anderen wenig sexy klingen mögen. Aus vielen Gesprächen mit Vertretern von Klubs in Europa ist mir bewusst, dass gerade die finanziellen Eckdaten, welche den Fussballmarkt in der Schweiz bestimmen, weitgehend unbekannt sind.
Den zweiten Teil dieses interessanten Interviews veröffentlichen wir gegen Ende Woche.